Fall 1
Karl Silberbauer
Der digitale Akt zu Karl Silberbauer enthält drei Dokumente: Ein antisemitisches Flugblatt, das das Tagebuch der Anne Frank als Fälschung diffamiert, ein Foto von Anne Frank und ein Foto von Karl Silberbauer.
Zunächst zum Flugblatt aus dem Jahr 1958: Es handelt sich um ein vergilbtes Stück Papier, dessen Ränder fleckig und beschädigt sind. Der Text besteht aus mehreren kurzen Zeilen mit großem Zeilenabstand und ist in Großbuchstaben gedruckt. Er lautet:
„Dieses Stück ist ein Schwindel. Anne Frank hat niemals gelebt. Die Juden haben die ganze Sache erfunden, um mehr Wiedergutmachung herauszuschlagen. Glaubt nicht ein Wort davon! Es ist eine reine Erfindung!“ Ende des Zitats.
Das Flugblatt nahm vermutlich auf die Aufführung des Theaterstücks Das Tagebuch der Anne Frank von Albert Hackett und Frances Goodrich in Wien im Jahr 1958 Bezug.
Nun zur Geschichte von Anne Frank:
Anne Frank wurde 1929 in Frankfurt am Main geboren. 1934 floh sie gemeinsam mit ihren Eltern als jüdische Familie vor der nationalsozialistischen Verfolgung aus Deutschand nach Amsterdam. Ab 1942 lebte sie mit ihrer Familie dort in einem Versteck. Am 4. August 1944 wurde das Versteck entdeckt. Anne und ihre Angehörigen wurden nach Auschwitz deportiert. Das Mädchen starb 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen.
Als einziger der Familie überlebte ihr Vater Otto Frank den Holocaust. Er gab 1947 das Tagebuch seiner Tochter heraus, das zu den wichtigsten persönlichen Zeugnissen des Holocausts wurde. Geschichtsverfälschende und neonazistische Kreise versuchten und versuchen seitdem, das Tagebuch als Fälschung darzustellen.
Wiesenthals Arbeit an dem Fall:
Um den Holocaustleugnerinnen und Holocaustleugnern entgegenzutreten, beschloss Simon Wiesenthal jenen Mann zu suchen, der Anne Frank und ihre Familie verhaftet hatte. Seine Recherchen führten ihn zum Wiener Kriminalbeamten Karl Silberbauer, geboren 1911, gestorben 1972. Silberbauer war seit 1935 im Polizeidienst und trat nach dem Anschluss Österreichs 1938 der Gestapo bei. 1943 wurde er in die Niederlande versetzt, wo er als SS-Angehöriger für die deutsche Sicherheitspolizei in Amsterdam arbeitete. Silberbauer bestätigte die Verhaftung. Ein gegen ihn eröffnetes Verfahren wurde 1964 eingestellt, da ihm das Gericht zubilligte, auf Befehl gehandelt zu haben.
Weitere Dokumente:
Im Akt, den Simon Wiesenthal zu diesem Fall anlegte, befindt sich neben dem Flugblatt auch ein Schwarz-Weiß-Foto von Anne Frank aus dem Jahr 1940. Es zeigt sie als etwa elfjähriges Mädchen mit dunklen Haaren, lächelnd in einem Liegestuhl auf einer Terrasse sitzend. Sie trägt ein helles Oberteil und ist von der Hüfte abwärts in eine weiße Decke eingehüllt.
Zum Passfoto von Karl Silberbauer
Auf einem Schwarz-Weiß-Portrait ist ein etwa 30-jähriger Mann zu sehen. Er hat ein rundes Gesicht, einen strengen Scheitel und blickt ernst in die Kamera. Er trägt einen hellen Anzug mit Krawatte. Am Revers seines Jacketts ist ein Hakenkreuzabzeichen zu erkennen.