Station 08
Simon Wiesenthal und Österreich
Immer wieder wird Simon Wiesenthal gefragt, warum er ausgerechnet in Österreich lebt. Er nennt zwei Gründe: seine Herkunft aus der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie und die politische Neutralität Österreichs nach 1955. Beides sieht er als gute Grundlagen für seine internationale Recherchearbeit.
Sein Verhältnis zu Österreich ist jedoch nicht spannungsfrei. Ein schwerer Konflikt entsteht 1975 mit Bundeskanzler Bruno Kreisky. Wiesenthal macht die NS-Vergangenheit von Friedrich Peter, dem Obmann der FPÖ und potenziellen Koalitionspartner Kreiskys, öffentlich. Kreisky reagiert heftig. Er wirft Wiesenthal „Mafia-Methoden“ vor. Außerdem unterstellt er ihm sogar mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet zu haben. Damit trägt er dazu bei, dass antisemitische Ressentiments zunehmen.
Auch im Fall Kurt Waldheim, der 1986 trotz umstrittener NS-Biografie zum Bundespräsidenten gewählt wird, steht Wiesenthal im Zentrum der Debatte. Seine Positionen werden dabei öffentlich beobachtet. Kritikerinnen und Kritiker werfen ihm vor, zu zögerlich Stellung zu beziehen.
International erfährt Wiesenthal schon seit den 1960er-Jahren große Anerkennung. In Österreich setzt diese Anerkennung erst viele Jahre später ein – besonders seit dem offiziellen Eingeständnis, dass ein hoher Anteil der Täterinnen und Täter im Holocaust aus Österreich stammte.